Untergang

Mitten in Berlin steht ein hübsches Zelt. Es sieht ganz grausam aus. Irgendeine Firma feiert irgendetwas. Eingelassen wird man angeblich nur mit einer persönlichen Einladung. Ich habe fünf davon, werde aber eingelassen, ohne eine zeigen zu müssen. Gerne würde ich mir einbilden, dass dies daran liegt, dass ich so bekannt bin. In Wirklichkeit aber steht einfach niemand an der Tür, der die Eintrittskarten kontrollieren könnte. Oder die Musik im Inneren des Zeltes ist die eigentliche Eintrittskontrolle. Denn freiwillig sich solchen Qualen aussetzen wird sich sowieso nur ein sehr kleiner Personenkreis.

Im Inneren des Zeltes treffe ich einige Leute wieder, die ich das letzte Mal vor einem Jahr oder so gesehen habe. Zum Beispiel Wolfi, der nunmehr vollständig aussieht, wie irgendein Karrierefuzzi von der Straße. Auf Anfrage versichert er mehr aber, dass er am Wochenende gestyled wie eh und je aus auf die Piste gehe.
"Aha" denke ich mir da, vermutlich wird aber der Tarnanzug in der Bauchgegend etwas spannen. Und als fertiger Anwalt wird er vermutlich auch wissen, das Speed und Extasy verboten sind. Gut, das wäre dann schon mal ein Vorteil, aber dass manche Leute auch immer so über das Ziel hinaus schießen müssen, denke ich.
"Schicke Flanellhose" sage ich.

Nadja ist ebenfalls da. Unverändert. Ihre Ausführungen sind inhaltlich schwer nachvollziehbar... wie damals. Sie ist überdies rein akustisch schwer verständlich, denn um schicker zu wirken, hat sie sich ein Akzent zugelegt, kann sich aber nicht entscheiden, welcher es sein soll. Sie klingt also ein bisschen wie eine in Holland aufgewachsene Tochter russischer Serben, die in Griechenland lebend ihren englischsprachigen Haushalt vom spanischen Einfluss der Großmutter befreien wollten, indem Sie die Tochter auf ein französischsprachiges Internat mit überwiegend chinesischem Lehrkörper geschickt haben.

Vor dem Zelt befindet sich, abgetrennt durch einen Zaun, eine Art Außengarten. Diese besteht im Wesentlichen aus grauem Kies und einer Biergarten-"Bestuhlung". Der graue Kies ist schmutzig und nach einiger Zeit sind es meine Schuhe ebenfalls. Ich gehe nach Hause.

Am nächsten Morgen erzählt man mir, auf der Party sein unheimlich viele wichtige Persönlichkeiten anwesend gewesen. Die waren wahrscheinlich gerade alle auf Klo, als ich da gewesen war. Oder noch wahrscheinlicher, ich habe sie einfach nicht erkannt. Das könnte schon sein, denn im Grunde genommen kenne ich gar keine wichtigen Persönlichkeiten. Ist natürlich eine super Voraussetzung, um ein Scene-Tagebuch zu schreiben.

Meine Schuhe sind noch zwei Wochen lang dreckig, denn ich weigere mich sie zu putzen. Oder vielmehr versuche ich heimlich auf der Toilette, sie mit feuchtem Klopapier sauber zu wischen.
Klappt aber nicht.

Irgendwann beschließe ich, ein anderes Paar anzuziehen.